Unser Selbstverständnis

Wir sind die Linksjugend Leipzig Ost. In diesem Selbstverständnis formulieren wir einen Konsens über die Themen, die uns im Moment besonders beschäftigen und die Ideen, die wir für Aktionen und Projekte in der nächsten Zeit haben. Unser Verständnis ist dabei nur vorläufig und wir werden in der kommenden Zeit, mit allen die Lust haben, mit uns zu arbeiten, ein genaueres und weitreichenderes Selbstverständnis erarbeiten.

Ein neues Selbstverständnis

Wir glauben, dass eine produktive Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn alle, die mitarbeiten, gewisse Ziele teilen und die Aktionen und Projekte, die wir gemeinsam durchführen, an diesen Zielen gemessen und kritisiert werden können. Wir wollen nicht nur nebeneinander her arbeiten, sondern gemeinsam langfristige Projekte umsetzen. Momentan ist beispielsweise unser größtes Projekt ein öffentlicher feministischer Lesekreis und dazugehörige Filmabende. Wir halten solche gemeinsamen inhaltlichen Auseinandersetzungen für die Basis geteilter Ziele und sinnvoller Kritik. Dementsprechend wollen wir uns auch bei gemeinsamen Treffen durch Dokus, Texte und Podiumsdiskussionen bilden und gemeinsame Positionen zu den politischen Fragen der Gegenwart entwickeln. In den ersten Monaten soll aus diesen Bildungsveranstaltungen ein ausführliches Selbstverständnis entstehen. Beginnen wollen wir dabei mit der Frage, was eine Jugendorganisation eigentlich ist und was sie leisten oder vielleicht auch nicht leisten kann. Wir wollen uns jedoch auch von Anfang an auf die verschiedenen Sektionen eines revolutionären Intersektionalismus konzentrieren, wobei Feminismus und Antirassismus uns momentan am wichtigsten erscheinen.

Struktur und Arbeitsweise

Als Basisgruppe der Linksjugend wollen wir uns zu Organisationsplena und inhaltlichen Abenden treffen. Je nach Aufwand aktueller Projekte und Bedarf wollen wir den Rhythmus dieses Basisgruppenplenums anpassen. Die gemeinsame Bildung soll aber einen größeren Raum einnehmen als die oft trockenen und für viele der Anwesenden wenig interessanten Orgaplena. Darüber hinausgehende (drängende) Organisationsaufgaben sollen entsprechende AGs möglichst selbstständig übernehmen. Wie genau wir uns organisieren wollen, soll aber auch noch offen bleiben und sich erst durch die inhaltlichen Auseinandersetzungen ergeben.

Im Sinne einer selbstständigen und selbstorganisierten Politik, ist ein zentrales Element unserer Gruppe ein dauerhaftes FLINTA*-Plenum. Die genauen Ziele und die Arbeitsweise wird auch dieses Plenum noch selbst bestimmen müssen. Überhaupt halten wir solche relativ selbstständigen Plena aber für notwendig, solange sich Männer noch Feminist oder Weiße noch Antirassist*in nennen können, ohne dass dieses Bekenntnis irgendeine Bedeutung hätte und weiterhin Probleme ignoriert werden. Dementsprechend könnten wir uns auch vorstellen, dass es bspw. sinnvoll sein könnte, ein PoC-Plenum zu etablieren. Momentan sind wir aber eine weiße Gruppe und können daher darüber nichts definitives sagen oder unmittelbar antirassistisch arbeiten. Unser Ziel ist es aber einen Raum zu schaffen, in dem PoCs es sinnvoll finden sich politisch zu beteiligen.

Weil wir als Basisgruppe an Leipzig gebunden sind und unsere Mitglieder in Leipzig leben und politisch aktiv sind, sind auch unsere Aktionen und Projekte vornehmlich lokal. Wir wollen nicht einen abstrakten Druck auf die Regierenden in Berlin ausüben, sondern die Probleme bestehender Communities in Leipzig lösen und zu deren Organisierung beitragen.

Dazu zählt für uns vor allem auch das kulturelle Leben, wir würden so z.B. gerne wieder vermehrt flinta-queere Partys oder Flinta-Sport in Leipzig organisieren. In diesem Sinne halten wir neben inhaltlichen Auseinandersetzungen auch soziale Veranstaltungen unter uns für besonders wichtig zur Gruppen- und Meinungsbildung. Deshalb wollen wir gerne Barabenden, offenen Unterhaltungen oder Diskussionen möglichst viel Platz einräumen.

In Zukunft wollen wir auch in Kontakt mit anderen linken Gruppen in Leipzig treten, deren Mitglieder kennenlernen und sehen, ob eine produktive Zusammenarbeit möglich ist. Wichtig ist uns dabei, dass wir nicht bloß abstrakt unsere Solidarität mit Kämpfen, an denen wir nicht beteiligt sind bekunden, sondern einen aktiven Beitrag zum Gelingen dieser Kämpfe leisten. Wo wir dies nicht können, sehen wir eine Zusammenarbeit auch nicht als sinnvoll an. Wir hoffen dabei uns in Zukunft stärker in antirassistische Kämpfe, sowie Arbeitskämpfe von Menschen u.a. im Niedriglohnsektor oder in der Pflege einbringen zu können.

Umgang und Ausschluss

Als politische Gruppe, die Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und aus verschiedenen Communitys organisiert, können wir kein absoluter safe-space sein. Trotzdem setzen wir voraus, dass unsere Mitglieder gegenüber Anderen nicht ignorant sind, wir wollen nicht die Befindlichkeiten und Abgrenzungsbedürfnisse von Wessis, Weißen, Cis-Heteros oder Männern zum Zentrum unserer Gruppe werden lassen. In dem Rahmen, in dem heute bereits ein verständnisvoller Umgang miteinander bekannt ist, erwarten wir, dass die Unterdrückung gegeneinander nicht fortgesetzt wird. Eines dieser Verhalten, das mit unserer Gruppe deswegen unvereinbar ist, ist männliche Dominanz, die cis Männer zwar meist am ignorantesten und selbstverständlichsten ausüben, aber auch von allen anderen cis und trans Geschlechtern ausgeübt werden kann. Bei männlichem Verhalten handelt es sich aber keineswegs bloß um offensichtliche Grobheiten oder Mackertum, demgegenüber sich linke Männer heutzutage häufig schon durch neue teilweise rassistische weiße Männlichkeitsidentitäten abgrenzen. Auch Phänomene wie Victim-Blaming, Tone-Policing, in welchem Kritik an diskriminierendem Verhalten durch Verweise auf eine angeblich verletzte Sachlichkeit oder Emotionalität zurückgewiesen werden, haben bei uns dementsprechend keinen Platz.

Themen und Positionen

Unter einer revolutionären Politik verstehen wir, in der aktuellen politischen Lage eines Liberalismus ohne erwartbare Revolution, die radikale Verankerung im Alltag. Auf der einen Seite kann eine politische Frage, die aktuell von wenigen im Alltag als solche erlebt wird oder effektiv durch Ideologie und den Sozialstaat entradikalisiert wird, auch nicht durch uns radikalisiert werden. Auf der anderen Seite läuft die Verankerung im Alltag und in kultureller Vertretung von Flintas oder BI_PoC immer Gefahr zu einer Interessenvertretung zu werden, die ökonomische und politische Fragen ausblendet. Wir glauben jedoch, dass im Antirassismus und Feminismus aktuell die Probleme auch von den Betroffenen selbst als solche wahrgenommen werden und diese gerade deswegen als Intersektionale eine revolutionäre Kraft entwickeln könnten, wie sie die proletarische Bewegung im 19./20. Jahrhundert hatte. In diesem Sinne ordnen wir uns sowohl hinsichtlich der Utopien als auch der Art der revolutionären Politik in die Tradition dieser Bewegung ein. Diese existiert heute nicht mehr als revolutionäre Kraft, wie sie es noch vor hundert Jahren tat, sondern ist durch verschiedenste konterrevolutionäre Mechanismen mit der gegenwärtigen Staatlichkeit verwoben. Gerade in dem, erst seit der Schröder-Zeit entstandenen, Niedriglohnsektor sehen wir aber auch neue Potentiale der Politisierung von Arbeitskämpfen und einer damit verbundenen Erneuerung der Arbeiter*innenbewegung.

Gemäß unserem revolutionären Selbstverständnis verstehen wir unter Feminismus nicht die Interessenvertretung von (cis) Frauen, sondern die Organisierung linker Flintas. An dem Akronym FLINTA orientieren wir uns aber nur und verstehen es nicht als einen festen Begriff, in dem man sich eindeutig einordnen müsste. Wir glauben weder an eine homogene Gruppe Frau, noch daran, dass ‘Frauenfragen’ in einer gesonderten Weise von den Geschlecht und Sexualität betreffenden Fragen des Feminismus abgegrenzt werden müssten. Die Bezeichnungen und Identifikation mit den entsprechenden Labels (Frau, Lesbe, Inter, Nicht-binär, Trans, Agender usf.) variieren teilweise stark und deswegen können wir Zugehörigkeit letztlich nur in der fortlaufenden Auseinandersetzung miteinander bestimmen. So kann beispielsweise eine Person zugleich inter und ein cis Mann sein. Auch queere schwule Identitäten lassen sich nicht einfach von vornherein von einem intersektionalen Feminismus ausschließen. 

Im gleichen Sinne verstehen wir religiöse Fragen nicht losgelöst von politischen Fragen, sondern sehen religiöse Identitäten immer auch als politisch an. Bestimmte Formen von Religionskritik halten wir nicht für sinnvoll, beispielsweise kam es in Leipzig immer wieder zu rassistischen Äußerungen gegen Muslim*innen, die sich als linke Islamkritik darstellten. Auch aus der Linksjugend Leipzig kam es zu rassistischen Äußerungen und zur Schau gestellter Ignoranz gegenüber Betroffenen und der Auseinandersetzung mit den entsprechenden politischen Fragen. 

Ein intersektionales Bündnis hat in Deutschland aber auch seine ganz eigenen Probleme. Beispielsweise halten wir eine Kritik und Aufarbeitung der Nachwendezeit und den Diskriminierungen, die Ostdeutsche dabei erfahren haben, für besonders wichtig. Es gibt noch immer einen spezifisch westdeutschen Chauvinismus gegen angeblich ungebildete und arme Ossis, der sich häufig mit reaktionären und antikommunistischen Ressentiments gegen die durchaus kritikwürdige DDR vermischt. Auch Antirassismus hat in Ostdeutschland einen anderen Charakter, als beispielsweise in den USA. Die Diskriminierungserfahrungen von slawisch oder vietnamesisch rassifizierten Menschen sind andere, als die der Nachkommen ehemaliger Sklav*innen. 

Natürlich gibt es aber nicht nur lokale Probleme, sondern auch globale Krisen, wie die Klimakrise, die für uns bedeutende Fragen darstellen. Wir wollen in der nächsten Zeit gemeinsam Konzepte erarbeiten, um zu überlegen wie sich die drohenden globalen Katastrophen noch abwenden lassen, wie es möglich werden könnte, dass eine solche Lösung der Krise nicht wieder auf Kosten der Schwächsten stattfinden wird und welche Rolle wir in einem solchen Konflikt spielen können. Der lokale Aspekt einer Solidarität mit Menschen, die hier in Leipzig von Veränderungen in Folge des Klimawandels betroffen sind, spielt hierbei für uns aber auch wieder eine zentrale Rolle.

In Leipzig und auch innerhalb der Linksjugend kam es in der Vergangenheit mehrmals zu kontroversen Debatten über den Nahostkonflikt. In der von verschiedenen Seite problematische und für uns nicht nachvollziehbare Positionen eingenommen wurden. Wir wollen uns in Zukunft historisch zu den Fragen dieses Konfliktes bilden, halten es aber nicht für sinnvoll, wenn Deutsche in Deutschland vermeintliche Lösungen für Konflikte entwickeln, in denen sie sich nicht befinden und die sie oft auch nur begrenzt verstehen. Wichtiger sind uns darum die Interessen von Palästinenser*innen und Jüd*innen hier in Leipzig.

Wir laden alle, die Lust auf unsere Projekte haben, sich mit diesem Selbstverständnis identifizieren können oder gerne mit uns ein neues Selbstverständnis zu diesen Fragen erarbeiten würden, ein, unserer Basisgruppe beizutreten. Unser Plenum findet aktuell immer am  1. Und 3. Montag im Monat um 19 Uhr statt und ist aktuell online. Kontaktiert uns gerne für den Link.

Außerdem veranstalten wir immer Sonntags ab ~21 Uhr einen Barabend im Anschluss an unseren feministischen Filmabend, zu dem ihr gerne auch kommen könnt, um uns kennenzulernen. Die Bar ist in der Nähe vom LinXXnet, für die genaue Adresse könnt ihr uns einfach kontaktieren.

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